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AUSZÜGE AUS GESPIELTEN PRODUKTIONEN

 

Salzburger Festspiele 2015

 

 

 

 

 

 

 

Mackie Messer – eine Salzburger Dreigroschenoper Bertolt Brecht / Kurt Weill

Ein Stück von Bertolt Brecht nach Elisabeth Hauptmanns deutscher Fassung von John Gays The Beggar's Opera
Musik von Kurt Weill
Einmalige Experimentalfassung in der musikalischen Adaption von Martin Lowe

Neuinszenierung

© FOTO Salzburger Festspiele

Sierk Radzei als TIGER BROWN

 

 

LEADING TEAM

Julian Crouch, Sven-Eric Bechtolf, Regie

Julian Crouch, Bühne
Martin Lowe, Musikalische Gesamtleitung / Orchestrierung
Holger Kolodziej, Musikalische Leitung / Dirigent
Kevin Pollard, Kostüme

Rolle TIGER BROWN

 

 

Residenztheater München 2011-2015


Zur Mittagsstunde  von Neil LaBute



„Gott bedeutet uns nichts mehr. Wir tun, was wir tun, wir treffen Entscheidungen, wir übernehmen Verantwortung. Irgendein Mann hat dir eine Waffe ins Gesicht gehalten, jetzt gefällt dir dein Leben nicht mehr, und du willst es ändern. Schön. Tu was.“ John Smith, bisher „rund um die Uhr ein absolutes Arschloch“, wie er sich selbst bezeichnet, überlebt als Einziger den Amoklauf eines kurz zuvor geschassten Kollegen im Büro. Was kommt nach der Katastrophe? Einfach weitermachen wie bisher? Die Hand Gottes hat Smith verschont, davon ist er fest überzeugt, und er will zu dessen Ehren jetzt alles anders machen, sein Leben ändern. Dabei schlägt dem vermeintlich Erweckten nur Skepsis, Zynismus und Unverständnis entgegen.

Neil LaBute *1963, US-Dramatiker, Filmemacher und einer der meistgespielten zeitgenössischen Autoren in Europa, zeigt die Widersprüchlichkeiten heutiger Existenz zwischen Glauben und Religion angesichts zunehmender Sprachlosigkeit und Ignoranz. Wilfried Minks *1930, der bereits in den 1960er Jahren durch seine stilbildenden Bühnenbilder für Rainer Werner Fassbinder, Michael Grüber, Peter Zadek u. a. bekannt wurde, widmet sich als Regisseur neben klassischen Stoffen immer wieder der zeitgenössischen Dramatik.




 Zur Mittagsstunde  von Neil LaBute 

 

Regie  Wilfried Minks

Bühne  Wilfried Minks

Kostüme  Renate Martin + Andreas Donhauser

Rolle  Inspector

 

Residenztheater München












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Schauspielhaus Bochum 2010-2011

 

 

Woyzeck von Georg Büchner

 

 

 

Woyzeck von Georg Büchner

 

Regie David Bösch

Bühne und Kostüme Patrick Bannwart

Musik
Karsten Riedel


Rolle Woyzeck

 

KRITIKEN

"Inszenierung des Jahres, Regiesseur des Jahres, Bühne des Jahres, Schauspieler des Jahres, Nachwuchsschauspieler des Jahres..."

 


"Mit Sicherheit ist er eines der größten Regietalente die das deutsche Theater derzeit zu bieten hat. In einem besitzt dieser junge Regisseur sogar Genie. Bei den Bildern, die er auf die Bühne zaubert. Die er stehen lässt und für sich sprechen. Jetzt gab es in Essen also Büchners Woyzeck. Eine todtraurige Geschichte, sogar mit Wahrheitsgehalt. Bösch erzählt sie radikal, brutal, direkt, aber mit einer solchen poetischen Kraft, die staunen lässt. [...] Das Ensemble ist klasse besetzt. Sierk Radzei IST Woyzeck."

 

 

 

Bonner Genaral Anzeiger26.02.2008 (NRW-THEATERFESTIVAL, Bonn, WESTWÄRTS08)

 

Hans-Christoph Zimmermann

Bonn. Faszinierende Interpretationen zeigt Ausnahmetalent des jungen Regisseurs - Dr. Seltsam und der Bunker

Die Entscheidung in Berlin soll denkbar knapp gewesen sein. Nur um Haaresbreite hat David Böschs Inszenierung von Büchners "Woyzeck" die Einladung zum Theatertreffen verpasst. Wer jetzt das Gastspiel des Essener Theaters beim Theatertreffen NRW in den Bad Godesberger Kammerspielen sah, konnte dem nur beipflichten.
Einen so düster getönten und zugleich humanen, einen so bildmächtigen und genau durchdachten "Woyzeck" sah man lange nicht.(...) Bösch verneint (...) Woyzecks Alleinvertretungsanspruch als geschundener Mensch und befreit ihn zugleich aus seiner tatenlosen Opferrolle. Was ihn von anderen unterscheidet, ist das Mitleid, das er seinen Mitmenschen entgegenbringt. Zuwendung wiederum findet Woyzeck in der Idylle mit Marie. Am linken Portal haben sich die beiden aus Waschbecken und Hocker ein schäbiges Zuhause eingerichtet. Wie Nadja Robiné als Marie den massig-empfindlichen Woyzeck des Sierk Radzei nach dem Experiment des Arztes tröstet, wie die beiden ihren Kinderwagen über die Bühne schieben, das ist von überwältigend zarter Gefühlsintensität.
Sind es die Ohrringe oder der Lebenshunger, die Maries Wendung zum Tambourmajor motivieren? Das bleibt unklar, denn trostloser wurde Woyzecks Nebenbuhler selten interpretiert. Nicola Mastroberardino spielt ihn als faschistischen Nosferatu mit Machogehabe. Er geht Marie mechanisch an die Wäsche, manipuliert erfolglos sein Geschlecht - kein Gefühl, kein Begehren nirgends. Marie versucht, ihn Zärtlichkeit zu lehren; was ihn nicht daran hindert, Woyzeck brutal zusammenzuschlagen. (...) Für Woyzeck bricht mit Maries Untreue der letzte Halt weg; er wirft Kruzifix und Bibel in den Mülleimer und sticht Marie tot. Nur um sie sofort wieder mit vergeblichen Gehversuchen zu traktieren.
Ein Marktschreier (Martin Vischer), der wie ein lämpchenbehängter Schmerzensmann aussieht, bläst dem Bühnenkosmos schließlich einfach das Licht aus. Bösch gelingt eine faszinierende Woyzeck-Interpretation, die bis in die Nebenrollen der Käthe (Sarah Victoria Frick), des Andres (Raiko Küster) oder der Großmutter (als Einspringerin: Ute Zehlen) brillant besetzt ist und mit großen Gefühlen sowie hinreißenden Bildern aufwartet.

Theater heute 01.12.2007

Natalie Bloch


Immer wieder gelingt Bösch und seinen glänzenden Darstellern der Übergang von der plakativ comicartigen zur berührenden Seite des Gezeigten, vom Science-Fiction-Grusel zum menschlichen Vakuum in der real existierenden Armutsgesellschaft.
Anhand der Fallstudie Woyzeck führt David Böschs Bearbeitung die unterste Schreckensebene unserer Gesellschaft vor. [...] Der Woyzeck von Sierk Radzei ist im Hort der Verlierer kein langsam wahnsinnig werdendes hektisches Subjekt, sondern ein weicher, ruhiger Typ, dessen speckiger Leib durch unzählige Hosenträger zusammengehalten wird. Im täglichen Überlebenskampf versucht er, den Kopf über Wasser zu halten, den Kinderwagen hat er immer bei sich.
Den „Hauptmann“, einen bösartigen, einarmigen Obdachlosen im Rollstuhl (Holger Kunkel), rasiert er nicht, sondern leert mit Sozialarbeitergeschick sein Blasenkatheter. Mit der empfindsamen Marie (Nadja Robiné) verbindet Woyzeck eine zarte Liebe. Doch beim wilden Abrocken unter Freaks trifft das unbedarfte Mädchen auf Nicola Mastroberardinos satanischen Nazi-Punkrocker (alias Tambourmajor), blutunterlaufene Augen im kahlen Schädel, metallene Zähne und Totenkopfgürtel. Komplett sprachlos kann er nur noch Songtexte unter Begleitung seiner dreiköpfigen Band ins Mikro brüllen. Marie reicht ein schnulziges „You are my angel“, um ihre unlebbaren Träume gebündelt auf dieses morbide Wesen zu projizieren: „So wie du ist keiner!“. Bald verfügt er über den Kinderwagen und schlägt Woyzeck, begleitet von seiner Band, zusammen. Mit jeder Flasche, die auf Woyzecks Kopf zerbirst, peitscht der Rhythmus hoch, bis dieser in Blut und Scherben liegt.
Die grelle Gewalt wirkt umso schonungsloser, weil Bösch stets an den Restsehnsüchten und Verletzlichkeiten der Figuren bleibt und in traurigen Momenten zeigt, wie sie in einer erkalteten Welt zu Grunde gehen. Wenn Woyzeck vollzieht, was ihm von langer Hand eingegeben wurde, schneit es durch die Krateröffnung. Dann funkeln die Sterne.


theater pur 01.11.2007
Rolf Finkelmeier

Mit Sicherheit ist er eines der größten Regietalente die das deutsche Theater derzeit zu bieten hat. In einem besitzt dieser junge Regisseur sogar Genie. Bei den Bildern, die er auf die Bühne zaubert. Die er stehen lässt und für sich sprechen. Jetzt gab es in Essen also Büchners Woyzeck. Eine todtraurige Geschichte, sogar mit Wahrheitsgehalt. Bösch erzählt sie radikal, brutal, direkt, aber mit einer solchen poetischen Kraft, die staunen lässt. [...] Bösch erzählt die tragische Geschichte eines einsamen, naiven Menschen und seiner großen Liebe mit fast sparsamen, einfachen, aber ungemein wirkungsvollen Mitteln. Zwischen hoher Dramatik, kraftvollen Bildern und ungemeiner Poesie. Das Ensemble ist klasse besetzt. Sierk Radzei ist Woyzeck. Zärtlich zu seiner Marie, geschlagene Kreatur beim Arzt, williger Gesprächspartner beim Hauptmann und kindlich naiv wenn er sich Fragen des Lebens stellt. Nadja Robiné ist eine hinreißende Marie mit großen Momenten. [...] Der Tambourmajor des Nicola Mastroberardino ist von ungemeiner Bühnenpräsenz. Siegrfried Gressl gibt diesen Pseudowissenschaftler von Arzt, an dessen Untersuchung kein Aas interessiert ist, mit wichtiger schleimiger Charge. Ein Hauch von ganz großen Theaters kommt auf die Bretter, wenn Jutta Wachowiak ihre Geschichte vom kleinen Kind erzählt. Und die Underground-Band ist einfach stark. Riesen-Applaus für alle. Einhelliger Jubel beim Publikum. Hingehen, gucken und sich mitnehmen lassen.

Theater der Zeit 01.11.2007
Hans-Christoph Zimmermann

So versöhnend die Komik dieses Augenblicks in die Gegenwart der Zukunft sein mochte („Blütenträume" von Lutz Hübner, Regie: Anselm Weber) so verstörend geriet David Böschs brillianter „Woyzeck"drei Wochen später. Auch hier ein blick in die Zukunft, allerdings so düster getönt wie lange nicht. In Essen ist „Woyzeck" in einer Untergrundwelt zwischen Sciencefiction und Irrenanstalt angesiedelt, die Patrick Bannwart als metallverkleideten Bühnenschacht mit sich absenkender Decke entworfen hat, in dem nur ein kreisrundes Loch den Blick nach oben freigibt. Eine erbarmungslose Welt, über der die Nebelschwaden hängen, und die offenbar nur von Lemuren und Depravierten bewohnt wird. Ist der Doktor ein trippelnder, sadistischer Dr. Seltsam (Siegrfried Gressl), der Woyzeck mittels eines nach obven verkabelten Helms mit Stromstößen traktiert, so kümmert der Hauptmann (Holger Kunkel) als hilfloser, durchgeknallter Kriegskrüppel mit blutigem Armstumpf und Orden am Bademantel im Rollstuhl brüllend dahin. Woyzeck pflegt ihh, gießt ihn aber, wenn er ihm mit Moral kommt, den eigenen Urin über den Kopf. Damit unterläuftv die Inszenierung gleich drei Deutungskonventionen: Woyzecks Alleinvertretungsanspruch als geschundener Mensch, seine wiederspruchsfreie Unterwerfung sowie seine tatenlose Opferrolle. Was ihn von anderen unterscheidet, ist allein das Mitleid, dass er dem Hauptmann und später der gelähmten Käthe entgegenbringt. Wie jeder Schiencefiction-Film erzählt auch der Essener „Woyzeck" nicht von der Zukunft, sondern von Ängsten und Träumen der Gegenwart. Ohne in billigen Realismus zu verfallen, hält Böschs dabei den Deutungsraum ins Diktatorische wie ins Soziale offen. Die vielleicht absurdeste Figur ist dabei der Tambourmajor, den man nie so abstrus gesehen hat. Nicola Mastroberardino spielt ihn als punkigen Nosferatu mit mechanisch übersteuerter Bewegungsmechanik. Er tritt als Leader einer Band(e) auf (Karsten Riedel macht melancholisch-brachiale Musik auf Gitarre, Klavier und Posaune), geht Marie manisch an die Wäsche und schiebt später mit kleinbürgerlichem Vaterstolz den Kinderwagen über die Bühne. Hier liegt vielleicht der einzige Schwachpunkt des Abends: Das Überzüchtete des Tambourmajors macht die Liebe Maries (Nadja Robiné) wenig verständlich. Umso mehr als die Beziehung zwischen Woyzeck und ihr mit einer Zartheit gezeichnet ist, wie man dies selten sieht. Wie die beiden ihr Kleinfamilien-Zuhause aus einem Waschbecken und einem Hocker am linken Portal behaupten, wie der massig-empfindliche Woyzeck des Sierk Radzei nach dem Experiment des Arztes bei Marie Trost sucht, streift in seiner direkten Emotionalität fast den Kitsch - was aber weniger der Regie als einer Rezeptionsgeschichte anzulasten ist, die die Bindekräfte dieser Beziehung einzig dem unehelichen Kind zuschreibt. Die lapidare Einfachheit und die starke Gefühlsintensität dieser Szenen erhalten ihr Pendant in der ungeschminkten Gewaltdarstellung, wenn der Tambourmajor in einer Musik-Prügel-Orgie Woyzeck blutig schlägt und dieser später das Messer Marie mehrfach in den Unterbauch schiebt. Kitschig wird es allenfalls, wenn Bösch den Marktschreier als bandagierten Engel das Spiel eröffnen und beschließen lässt. Trotzdem eine der faszinierendsten Woyzeck-Interpretationen seit langem.


Frankfurter Rundschau 18.10.2007
Stefan Keim

David Bösch stellt sich immer wieder in Frage, will sich weiter entwickeln. Deshalb könnte er der bedeutendste Regisseur seiner Generation werden.
[...] Jede Inszenierung von Bösch ist von einer großen Warmherzigkeit durchweht, von einer tiefen Liebe zu allen Charakteren.
Auch die kleinste Nebenfigur hat ihre Geschichte und glüht von innen. Das funktioniert sogar beim „Woyzeck“, Büchners garstigem Fragment.
[...] Der Essener „Woyzeck“ ist ein Meisterstück, der Beweis, dass David Bösch längst zu groß für Schubladen ist.

 

Die Welt 15.10.2007
Stefan Keim

David Bösch inszeniert Büchners „Woyzeck“ mit gewaltigen Bildern.
Woyzeck bleibt auch in der Inszenierung von David Bösch leidende Kreatur, ein Verlorener. Trotzdem endet Büchners Bühnenfragment in Essen nicht gänzlich in der Hoffnungslosigkeit.
Denn in diesem „Woyzeck“ steckt so viel Warmherzigkeit, dass die Brutalität nicht das Ende sein kann. (…)
Karsten Riedels Bühnenmusik schafft eine vibrierende, spannungsreiche Atmosphäre. Marie will sich nicht der Lethargie ergeben.
Der Einzige, auf den sie Hoffnungen setzt, ist ein gruftig geschminkter, kahlköpfiger Fascho.
Nicola Mastroberardino spielt Büchners Tambourmajor als kalten Klotz, in dem eine tiefe Verzweiflung sitzt, weil er kein Gefühl kennt.
Er will mit Marie schlafen, rubbelt hilflos und aggressiv an seinen Genitalien herum, wühlt in sich nach einem Rest Begehren, etwas verbliebener Menschlichkeit.
Das ist vielleicht die traurigste und radikalste Szene, die David Bösch jemals inszeniert hat. Hier bringt er die Verlassenheit des Menschen auf den Punkt.
Marie versucht das Unmögliche. Sie geht noch einmal zum Tambourmajor, entschlossen, ihm Zärtlichkeit beizubringen.
Nadja Robiné spielt das mit berührendem Lebenshunger, während für den kräftigen, alle Demütigungen schluckenden Sierk Radzei als Woyzeck durch ihre Untreue der letzte Halt weg bricht.
Atemraubende Kurzauftritte haben Jutta Wachowiak als Großmutter und Sarah Viktoria Frick als Käthe, hier eine gelähmte Artistin,
die aus Tod Brownings Horrorfilmklassiker "Freaks" gekrochen sein könnte. Sie wird für Woyzeck zur mephistophelischen Verführerin und treibt ihn zum Mord.
David Bösch verfügt auch über die dunkle Seite der Macht. Das hat er mit seinem Essener „Woyzeck“ bewiesen.
Aber er bleibt sich treu, empfindet auch mit Perversen Sympathie, entdeckt einen menschlichen Funken in den seelischen Wracks.
Nie geht er den einfachen Weg der Groteske, stets stellt er sich dem Gefühl, auch wenn es unangenehm wird.
Das macht David Bösch in der jüngeren Regiegeneration zu einer Ausnahmeerscheinung.



WAZ 08.10.2007
Gudrun Norbisrath

David Bösch zeigt in Essen Büchers „Woyzeck" - ein starkes Stück Theater und vielleicht ein Quantensprung für den jungen Regisseur,
der sich dem Ernst des Stückes mit Bildern von erdrückender Wucht nähert. [...] In Essen hatte David Böschs „Woyzeck" Premiere, und es fehlt wenig,
dass man ihn zu den ganz Großen zählen muss. [...] Jetzt ist er großartig; sein Theater ist sinnlich und zugleich luzid. [...] David Bösch nimmt Büchner ernst.
Der war 22, als er das Stück schrieb, und sie sind einander sehr nah. Bösch erzählt das Märchen neu, mit neuen Bildern, aber voll Ehrfurcht.



NRZ 08.10.2007
Christof Wolf

David Bösch hat im Essener Grillo-Theater mit „Woyzeck" einen großen Theaterabend inszeniert. [...] Wer das Essener Schauspiel, wer Böschs Arbeiten,
der dort als Hausregisseur für Furore sorgt, kennt, hat es geahnt, wenn nicht gewusst: Der Abend wird ein großer Abend. [...]
Er versucht nicht, das zerfetzte Stück zusammenzusetzen, er schafft eine Welt, in die Büchners abgebrochene Sätze und Szene passen.
Das tut er mit Liebe zum Detail und zu jeder Nebenfigur. [...] Die Inszenierung wird getragen von einer geschlossenen Mannschaftsleistung,
mit einem wuchtig-verletzlichen Sierk Radzei als Woyzeck und einer in Freude und Elend überzeugenden Nadja Robiné im Mittelpunkt.
Und mit Könnern wie Karsten Riedel (Musik) oder Patrick Bannwart (Bühne und Kostüme) als Partner.



nachtkritik.de 06.10.2007

Vorhölle mit Versehrten

von Christian Rakow

Essen, 6. Oktober 2007. In die Stille vor dem Vorhang tritt heraus der Marktschreier (Martin Vischer), bandagiert wie ein Unfallopfer oder eine Mumie aus ägyptischer Zeit, mit einer Lichterkette um den Leib geschnürt: "Seh'n Sie die Kreatur, wie sie Gott gemacht, nix, gar nix." Er neigt seinen aschgrauen Struwwelpeter-Kopf zu Seite, grinst kurz: "Willst Du mehr sein als Staub, Sand und Dreck?" Das sind die ersten Worte an diesem Abend und später die letzten.

Auftakt und Epilog zu einer düsteren Parabel, wie wir sie lange nicht gesehen haben. Die erste Ansicht, wenn sich der Vorhang hebt, ein Triumph des Bühnenbilds: Woyzeck steht im ABC-Schutzanzug inmitten eines dunklen, leeren Raumes. Federn und Plastikstaub umwehen seine Füße. Von seinem Fliegerhelm laufen riesige Elektroschnüre himmelwärts, dorthin, wo sich ein gähnendes schwarzes Loch über der ansonsten gedrungenen Bühne auftut.

Experimente am lebenden Fleisch

Eine Untergrundwelt hat Patrick Bannwart ins Grillo Theater gebaut. Mit hinkendem Schritt durchmisst sie der Doktor (Siegfried Gressl), ein Frankenstein-Typ, der hier galvanische Experimente am lebenden Fleisch unternimmt. Es ist ein beklemmendes Science-Fiction-Szenario, in dem Regie-Shootingstar David Bösch seine Erkundungen des Kreatürlichen vornimmt. Eine Vorhölle, angelehnt an die Filmwelten von Endzeitklassikern à la "Mad Max", bevölkert von Versehrten und verlorenen Seelen, von Punks, Cyber-Clochards und Freaks.

Zunächst muss man sich an das Pathos gewöhnen. Woyzeck und Marie reden nicht miteinander; sie lassen ihre Worte berührungslos über den Kopf des anderen hinweg gleiten – wie Reisende, die sich bei Abfahrt eines Atlantik-Dampfers noch etwas zurufen, und es klingt wie leerer Schall. Das ist der Sound für den Nullpunkt der Empathie, den Bösch hier sukzessive auslotet. Wenn es in diesem Stück Zweisamkeit gäbe, dann wären sie ein ungleiches Paar – der dickleibige, fast träge Woyzeck von Sierk Radzei und die zarte Marie, die Nadja Robiné vorstellt. Ihr gemeinsames Kind ist eine tote Puppe. Hier gedeiht nichts.

Das Glamouröse als diabolische Macht 

Der Leibesfrucht fehlt der Segen, wie der Hauptmann im Rollstuhl (Holger Kunkel), mit blutigem Armstumpf und Revolver gallig bedeutet. Die Büchner-Welt, nach Nietzsche gelesen, ist eine gottlose. Und wer sich besonders gottlos gibt, kann darin zum Star aufsteigen. Der wortkarge Tambourmajor (Nicola Mastroberardino) zeigt – ein Geniestreich der Regie – in diesem Sinne das Glamouröse als diabolische Macht. Im kruden Stil-Mix aus Zigeuner, Nazi-Hooligan und Totenkopf-Pirat erscheint er stets unverhofft auf der Szene und reißt Marie mit roher, obszöner Kraft an sich. "A Wicked Game" intoniert die Hardcore-Band, der er als Liedsänger vorsteht, dazu begleitend.

Erst als es zum Vollzug kommen soll, versagt der Tambourmajor, manipuliert er nurmehr wie ein Porno-Amateurdarsteller an sich herum. Und Marie nimmt ihn in den Arm. Es mag dieser unmögliche Moment von Zuneigung sein, der in der Logik dieser Welt das Zuviel darstellt, das Woyzeck austicken lässt. Böschs Schauspielerführung sucht eine solche Kausalität oder psychologische Zwangsläufigkeit des Mordes nicht; sie konzentriert sich vielmehr auf die Phänomenbeschreibung emotionaler Erkaltung.

Apokalyptisches Unbehagen

"Ja, dann steche ich mal Marie tot", bemerkt Woyzeck lakonisch, während ein Engelein sein biblisches Placet gibt ("Denn es kommt der Tag der Rache"). So unerbittlich der finstere Tambourmajor erscheint, so mythisch ausweglos zückt Woyzeck sein Messer, im Schneefall. Von pessimistischen Untertönen getragen ("Dantons Tod", "Quai West" von Bernard-Marie Koltès und Heiner Müller sind dezent angelagert) entfalten sich die apokalyptisch unbehaglichen Bilder. Bis in die Nebenfiguren hinein ist das Spiel sparsam und eindringlich (Raiko Küster gibt einen hier glasklar philosophierenden Penner Andres; die wunderbare Jutta Wachowiak erzählt als Großmutter mit Berliner Idiom die Sterntalergeschichte).

Teilweise rückt die Handlung ganz nah an uns heran, wenn man in der blutigen Brutalität des Tambourmajors gegen Woyzeck den rechten Mob etwa in Halberstadt aufblitzen zu sehen meint. Doch im Ganzen gönnt Bösch seiner Parabel einen ästhetisch und geschichtsphilosophisch weiten Rahmen. Durchaus im Einklang mit Büchner. Hatte der Autor 1836 den historischen Fall des Frauenmörders Johann Christian Woyzeck schon so weit verallgemeinert, dass es dadurch möglich wurde, den klassischen deutschen Idealismus und seine Institute (Wissenschaft, Moral) zu verabschieden, so geht Bösch einen Schritt weiter.

Er entrückt die Fabel in eine ferne (nahe?) Endzeit wandernder Horden und bindungsloser Einzelkämpfer. Eine provozierende Dystopie der Staatenlosigkeit, in der Gewalt allgegenwärtig und Überleben statt Leben die Maxime ist. "Die Hölle ist kalt, wollen wir wetten?" Es hätte auch "die Zukunft" heißen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schauspiel Essen 2005-2010

 

 

Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos von Werner Schwab

 

Regie: David Bösch

 


Sierk Radzei, Henriette Thimig

 

 

Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos von Werner Schwab

 

 

Regie: David Bösch

Bühne und Kostüme: Patrick Bannwart

Rolle: Herrmann Wurm

 

 

KRITIKEN

 

 

Theater Pur 01.05.2006
Rolf Finkelmeier
Das ungemein geschlossene Ensemble sorgt mit seinem hochkonzentriertem Spiel für einen Theaterabend von seltener Güte. Allen voran Sierk Radzei, Henriette Thimig, Siegfried Gressl und Jutta Wachowiak. Viel Applaus für eine ausgezeichnete Theaterproduktion.

Frankfurter Rundschau 25.03.2006
Stefan Keim
Bösch inszeniert krasse Bilder, aber [...] die ausgezeichneten Schauspieler bewahren einen versteckten Kern der Menschlichkeit in sich, etwas, das gerettet werden kann, wenn man durch ganz viele Schichten des Wahnsinns hindurch bohrt. [...] Das ist keine Verharmlosung Schwabs. So wütend anschreiben gegen eine verkommene Welt kann nur einer, in dem die Lebenslust brennt. Obwohl er seinen Charakteren die bösesten Pointen in den Mund legt und sich alle inbrünstig den Tod wünschen, war Schwab kein Zyniker. [...] Das wird in David Böschs Inszenierung besonders klar, wenn die wunderbare Jutta Wachowiak zum Monolog der Frau Grollfeuer ansetzt.


Süddeutsche Zeitung 24.03.2006
Martin Krumbholz
In der großflächigen Rauminstallation auf der Essener Bühne lässt sich trefflich hetzen und fetzen, und der Hausregisseur David Bösch hat erkannt, worum es geht in diesem Schwab’schen Welttheater: Mindestens Engel und Teufel müssen her, [...] Letzterer hat sich in Herrmann Wurm, dem verkannten Grazkunst-Genie inkarniert, den Sierk Radzei ganz fabelhaft als korpulenten Wicht zwischen Ego-Furor und jämmerlichem Schwanzeinziehungsmechanismus gibt.


FAZ 22.03.2006
Andreas Rossmann
Henriette Thimig als zauselige, ihre Niedertracht in vollen Zügen genießende Frau Wurm und Sierk Radzei als leichtfüßig seine Korpulenz einsetzender Herrmann spielen das ganz wunderbar: Wie jeder auf eine Schwäche des andern lauern, um sie sofort auszunutzen, verwickeln sie sich in eine fatale Nähe.


Westfälische Rundschau 22.03.2006

Arnold Hohmann
Wunderbare Schauspieler bevölkern dieses Panoptikum der Abartigkeiten. Henriette Thimig und Sierk Radzei sind das in verhängnisvoller Symbiose lebende, von Hass zerfressene Mutter-Sohn-Paar, Siegfried Gressl ein erlesen fieser Soap-Opera-Daddy und Jutta Wachwowiak eine düstere Grollfeuer-Hexe mit meterlangem, schlohweißem Rapunzel-Schopf. Märchenhaft.


WAZ 20.03.2006
Gudrun Norbisrath
David Bösch bringt in Essen „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" von Werner Schwab auf die Bühne. Ein böses Stück in einer fürchterlichen und gerade deshalb glänzenden Inszenierung.
Theater ist eine merkwürdige Sache. Da sitzt man im Dunkeln, will schauen und staunen und, vielleicht, etwas lernen über die Welt. Und dann kommt etwas über einen, das ist so wahr und klar und dreckig, dass einem schwarz werden könnte vor Augen, wenn man es nicht vorher gewusst hätte; nicht nur, weil Werner Schwab ein bekannter Stückewüterich war, sondern auch, weil das Leben so ist. Perfide, hasserfüllt, gemein.
Es ist wie eine wütende Gegenrede zum Hohelied auf die Familie, das derzeit überall angestimmt wird: die Familie als Ort des Glücks; und Kinder machen ihn zum Paradies. David Bösch (28), der faszinierende Hausregisseur des Essener Theaters, zeigt mit dem Berserker Schwab, dass das Gegenteil genauso wahr ist. Kinder, Familie, Gemeinschaft, das kann die Hölle sein. Bösch erzählt die bösartige Geschichte virtuos.
[...] Die Inszenierung ist glänzend; die verworrene Drehbühne (Patrick Bannwart) mit Schränkchen und Lämpchen und Sesseln und Küchenzeile entspricht dem Durcheinander der Emotionen, und die Schauspieler sind fabelhaft, allen voran Sierk Radzei als onanierender Böskrüppel, Siegfried Gressl als ekliger Vater Kovacic und Jutta Wachowiak als Racheenegel Frau Grollfeuer. Alle Achtung vor dieser Leistung, die überdies den Vorzug hat, werktreu zu sein. Ein böser Abend, der mit großem Applaus belohnt wurde.



NRZ 20.03.2006
Christof Wolf
Regisseur David Bösch hat die Radikalkomödie als lustig-böse Welt- und Hausbesichtigung auf die Essener Grillo-Bühne gesetzt. [...] Die Kostüme und noch mehr die ausgefuchste Bühne (Ausstattung: Patrick Bannwart) sind der Turbo im bunten, wilden Treiben. Eine Möbellandschaft dreht sich auf einer großen Scheibe und zeigt mal die verranzte Küche der Wurms, mal das schicke Wohnzimmer der Kovacics, mal die gediegene Tafel von Frau Grollfeuer.
Radikalkomödie heißt: Das Stück ist sehr lustig und sehr böse und manchmal beides zugleich. [...] Die Schauspieler leiden und schimpfen sich furios durch das Stück - von Henriette Thimig (Frau Wurm) über Siegfried Gressl (Herr Kovacic) bis zur großen, großartigen Jutta Wachowiak (Frau Grollfeuer).

 

 

 

 

 

Liliom von Franz Molnàr

"Mit überzeugendem Ensemble-Spiel und der klugen Regie, die auf Pathos und Kitsch verzichtet, gelingt es, das Publikum Anteil am Schicksal der Protagonisten nehmen zu lassen. Eine äußerst dichte, 90-minütige Tragödie, die zu berühren versteht."

 

 

 

 

Sierk Radzei (Linzmann), Günter Franzmeier (Liliom)

 

 

Regie: David Bösch

Bühne: Patrick Bannwart

Kostüme: Meentje Nielsen

Rolle: Linzmann


Ist Liliom ein guter oder ein böser Mensch? Fährt er in die Hölle oder kommt er in den Himmel? Er schlägt seine Frau, nimmt keine Arbeit an, trinkt, spielt und als es ernst wird, bringt er sich um. Ein Hutschenschleuderer, Schiffschaukelbremser, ein Vagabund und Nichtsnutz ist er – bekommt er eine zweite Chance? Hat er sie verdient oder bekommt man Chancen geschenkt? Und wie viele braucht man, um ein Mensch zu werden?
Die „Vorstadtlegende“ ist ein Märchen für Erwachsene. Sie erzählt von Liliom und Julie, von der Liebe und dem Scheitern, dem Unsagbaren und dem Unsichtbaren. Auf der Kirmes und dem Karussell beginnt die Geschichte und sie führt bis in die Abgründe des Fegefeuers. Am Ende des Lebens, wenn alles vorbei und scheinbar vertan ist, ist der Weg für Liliom noch nicht zu Ende. Er muss Rechenschaft ablegen und kehrt nach 16 langen Jahren im Fegefeuer auf die Erde zurück. Wenn es ihm gelingt, seiner Tochter etwas Gutes zu tun, werden sich ihm die Pforten des Himmels öffnen. Wird Liliom seine zweite Chance nutzen?

 

 

 

 

 

 

 

 

Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing

 


Judith van der Werff (Orsina), Sierk Radzei (Marinelli)

 

 

Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing

 

 

Regie: Matthias Kaschig

Bühne: Jörg Kiefel

Kostüme: Katharina Meintke

Musik: Tobias Vethake

 

Rolle: Marinelli

 

Der Prinz von Guastalla verliebt sich in die Bürgerstochter Emilia Galotti. Ihr Anblick trifft ihn direkt ins Herz und zieht ihm den Boden unter den Füßen weg. Blind wird er allem gegenüber, was nicht sie ist: gegenüber seinen Mätressen, seinem Kammerherren, dem Intriganten Marinelli und seinem Hof. Emilia selbst ist das Opfer und ihre eigene Unschuld ist bedroht. Sie fürchtet aber weniger die physische Gewalt des Prinzen als ihre eigene Verführbarkeit.
Ein Mann verfällt einer Frau, die bereits vergeben ist. Er liebt sie so leidenschaftlich und verzweifelt, dass er sie mit Gewalt aus den Armen des anderen rauben lässt, wie einen Gegenstand. Seine Macht und sein gesellschaftlicher Einfluss legitimieren scheinbar diese Tat, aber entschuldigen sie nicht.

 

 

 

 

 

Bluthochzeit von Federico García Lorca

 

 

 

 

©FOTO:Thomas Aurin

 

 

Jutta Wachowiak, Anja Boche, Sierk Radzei, Andreas Grothgar

 

 

 

 

Bluthochzeit von Federico García Lorca

 

Regie: Rafael Sanchez

Bühn: Thomas Dreißigacker

Kostüme: Ursula Leuenberger

Rolle: Bräutigam

 

 

KRITIKEN

 

 

 

 

NRZ 13.11.2006

 

Christof Wolf

 

Regisseur Rafael Sanchez, Schweizer mit spanischen Wurzeln, stemmte das vor Lebensfragen schwere Stück mit Leichtigkeit. Pathos trifft auf ein wenig Kitsch und auf ein wenig Klamauk, ohne dass die poetisch-drastische Sprache Lorcas ins Lächerliche gleitet. [...] Hier treffen sie aufeinander: der Bräutigam, dessen Hilflosigkeit Sierk Radzeimal ruhig, mal rasend verkörpert, seine verbitterte Mutter, gespielt von der großartigen Jutta Wachowiak, die Braut, die Anja Boche naiv-mädchenhaft für und gegen ihre Liebe kämpfen lässt, und der ehemalige Verlobte der Braut, den Fritz Fenne als finster-leidenschaftlicher Cowboy wüten lässt. Und wenn Carsten Otto in Frauenkleidern (Kostüme: Ursula Leuenberger) als leicht debil grinsende Nachbarin im Rollstuhl auf die Bühne fährt, sitzt ihm Pedro Almodo?var quasi auf dem Schoß. Wie der Filmemacher, dessen „Fessle mich“ der Regisseur in Basel inszenierte, hat Sanchez keine Angst vorm Spiel mit Klischees und Skurrilitäten aller Art. [...] Viel verdienter Applaus für die Schauspieler und das gesamte Team.

Westdeutsche Zeitung 14.11.2006
Eva Pfister
Wenn Familienehre stärker ist als Liebe

Das Grillo-Theater Essen präsentiert Federico Garcia Lorcas erschreckend aktuelle Tragödie „Bluthochzeit“

Federico Garcia Lorca schrieb seine düstere Tragödie um Liebe in Zeiten von Ehre und Blutrache im Jahr 1933. Ein archaisches Stück, dachte man bis vor kurzem. Aber nun, da Ehrenmorde auch hierzulande ein Problem werden, entdeckt man das Drama neu. In Essen, wo Lutz Hübners „Ehrensache“ das Thema schon verhandelte mit großer Brisanz und einem Verbot hat Rafael Sanchez „Bluthochzeit“ inszeniert. An Andalusien erinnert auf der Bühne des Grillo-Theaters nur die große schwarze Stiersilhouette, die an spanischen Autobahnen für Hochprozentiges wirbt. [...]
Es geht zu wie in einem Film von Pedro Almodóvar, die jungen Leute hantieren mit Handys und Motorradhelmen, tragen Hot Pants und Miniröcke, und nur die gepunkteten Stoffe erinnern noch an die traditionelle Kleidung (Kostüme: Ursula Leuenberger). Der Bräutigam (Sierk Radzei) ist ein lieber Teddybär, der darunter leidet, dass er sich immer wieder die Geschichte seines ermordeten Vaters und Bruders anhören muss. Aber seine Mutter ist unerbittlich Jutta Wachowiak verkörpert großartig das alte Spanien und wirkt sehr fremd in dieser Schmuddelgesellschaft. Aber sie macht gute Miene zur Braut ihres Sohnes (Anja Boche, flippig, bis ihr innerer Zwiespalt deutlich wird) und plaudert mit dem Vater (Andreas Grothgar als skurriler Hektiker). Der freut sich schon auf reichen Kindersegen, denn „dieses Land braucht Arbeitskräfte, die man nicht bezahlen muss!“ Die neue Übersetzung von Rudolf Wittkopf ist sachlich und direkt, aber wenn man schon befürchtet, Lorcas Poesie bliebe auf der Strecke, schlägt die Stimmung um. Denn als Leonardo, der frühere Verlobte der Braut (zornig: Fritz Fenne) auftaucht und sofort nach der Trauung mit ihr durchbrennt, da weiß nicht nur die Mutter, dass wieder „die Stunde des Blutes“ schlägt.[...]



Der Opernfreund 13.11.2006
Dirk Altenaer
Nun hatte vergangenen Samstag im Schauspiel Essen die erste von zwei Inszenierungen des modernen Klassikers in NRW Premiere [...] mit der großartigen Jutta Wachowiak als Mutter. Sie meißelt das archaische Urgestein auf, verleiht ihrer Mutter menschliche(re) Züge, ist nicht mehr nur vom bloßen Haß besessen. Zwar ist auch sie eine Kämpferin, eine Löwin, wenn es um die Ehre ihrer Männer, der Lebenden wie den Toten geht, aber der abgrundtiefe Haß weicht der Milde der Verbitterten. Eine beklemmende Neudeutung!
[...] der Andalusier wird zum Seelenverwandten eines Zeitgenossen diesseits der Alpen: Ödön von Horvath. Sanchez zeichnet eine Horvath-Ähnliche ausgelassene Gesellschaft: Mit Sierk Radzei als quirligem Bräutigam mit dem sympathischen Andreas Grothgar als Brautvater und dem unglücklichen Paar: Fritz Fenne als draufgängerisch gezeigter Leonardo und Sabine Osthoff als dessen Frau.
Sanchez zeichnet eine letale Spirale zum Tode mit einer Fallhöhe wie in den ausgelassenen "Geschichten aus dem Wiener Wald" und plötzlich wird das Treiben ganz Still wenn sich der zynische Mond - den Carsten Otto als beckettsche Charakterstudie zeichnet - und die stille Tödin (Anne-Marie Bubke) über das zu Erwartende auslassen. Ein großer jubelnd aufgenommener Theaterabend.


 

 

 

 

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Staatstheater Stuttgart 2000-2005

 

 

 

 

 

NippleJesus von Nick Hornby (UA)

 

 FOTO: Frank Wölfl

 

NippleJesus von Nick Hornby (UA)

Monolog


Regie: Matthias Kaschig



Hornbys „Nipple Jesus” erzählt von der Auseinandersetzung zwischen Kunst und Kommunikation. Der Ex-Türsteher David nimmt einen Job in einer Kunstgalerie an. Er soll dort auf ein provokantes Kunstwerk aufpassen. Das Bild erregt in der Öffentlichkeit heftigen Anstoß und Kritik. Doch David wird zunehmend zum Verteidiger dieses Kunstwerks gegen die konservativen Kritiker und Eiferer, bis er merkt, dass er selbst Teil einer Inszenierung ist.




Ein Sommernachtstraum
von William Shakespeare

Schauspiel Staatstheater Stuttgart


Regie
Elias Perrig

Rolle Demetrius





Die Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller

Schauspiel Staatstheater Stuttgart


Regie
  Tina Lanik


Rolle König Karl VII